Interview – Ausstellung #notafraid

© Boris Bocheinski

Allein beim Betrachten der Bilder spürt man, wie viel Bedeutung und Historie in ihnen stecken. Das Gedenken an terroristische Anschläge ist eine internationale Herausforderung, die uns alle betrifft.

Um mehr über die Inhalte der Ausstellung zu erfahren, haben wir Boris Bocheinski (zu der Thematik, den Hintergründen sowie seinen Intentionen hinter den Fotografien) befragt:

Verraten Sie uns mehr über das Konzept der Ausstellung: Wie entstand der Name #notafraid und haben Sie beim Fotografieren auf bestimmte Aspekte geachtet?

In den letzten 5 Jahren habe ich das Gedenken nach islamistischen Anschlägen in verschiedenen europäischen Städten fotografiert, das Konzept entwickelte sich erst nach und nach.

Es gibt bestimmte wiederkehrende Motive in den Städten: Menschen, die das Gedenken fotografieren, Textbotschaften auf Zetteln, Briefen oder Plakaten. Darunter einige Versionen von „Wir haben keine Angst“ oder Ähnliches in mehreren Sprachen. Wichtig sind mir auch die Bilder, die erstmal gar nicht nach Gedenken aussehen.

Als ich im November 2016 in Paris angefangen habe, das Gedenken zu fotografieren, war noch nicht abzusehen, wie die Geschichte wachsen würde. Damals habe ich mit Teilnehmenden aus einem meiner Fotoworkshops, die 2015 auch während der Anschläge in Paris waren, zusammen fotografiert. Dann kam der Anschlag in Berlin und an dessen ersten Jahrestag haben wir wieder zusammen fotografiert. Eine Teilnehmerin aus Frankreich meinte damals, dass es in Berlin mehr ein Gedenken gegeneinander sei – es gab 4 unterschiedliche Veranstaltungen rund um den Breitscheidplatz – und dass es dort, anders als in Paris, keine Gemeinschaft gäbe.

Mit der Zeit kamen dann die anderen Orte dazu: London, Stockholm, Manchester, Nizza, Barcelona, Brüssel.

Das Gedenken fällt dabei immer sehr unterschiedlich aus: Mal wird es sehr stark politisch instrumentalisiert, wie in Berlin und Barcelona. Mal ist es sehr divers, wie in Paris oder – und davon sollten wir lernen – als Katharsis den (Über-)Lebenden zugewandt, wie in Manchester.

#notafraid ist dabei eine Haltung, die diese unterschiedlichen Gedenken verbindet.

Inzwischen ist aus der Fotoreportage ein ganzes Projekt und ein Team und ein Netzwerk geworden, das hoffentlich noch weiter wächst.

Konnten Sie persönlich etwas davon mitnehmen? Gab es Momente oder Fotos, die Sie besonders geprägt haben? Und welche Reaktionen erhoffen Sie sich von den Besuchern Ihrer Ausstellung und der Workshops?

Persönlich hatte ich nicht mit so großen Unterschieden gerechnet, die sich zwischen den Städten, aber auch innerhalb der Städte auftaten.

In Paris war das am ersten Jahrestag am beeindruckendsten: vormittags das offizielle Gedenken der Regierung an den Anschlagsorten; dann das individuellere Gedenken am Place de la République und vor dem Bataclan, wo manche Menschen handgeschriebene Briefe, Kuscheltiere und Engelsfiguren hinterlegten; ein Mann zündete eine ganze Packung Kerzen an und stellte sie alle auf. Der ganze Tag war geprägt von einer getragenen, ruhigen Stimmung.

Abends dann hörten wir von Weitem Fangesänge und konnten das erstmal nicht einordnen. Es stellte sich heraus, dass es eine Gruppe von Ultras von Paris Saint-Germain und deren Freunde waren, die erst zum Bataclan und dann weiter zur Bar La Belle Équipe gezogen waren, wo Freunde von ihnen erschossen wurden. Dabei sangen sie die meiste Zeit sehr laut und schwangen rote Bengalos unter Zustimmung von Menschen an Rande. Mir hat dieses Laute sehr gutgetan, nach einem langen Tag trauriger, andächtiger Stimmung.

Paris hat mir nie so gut gefallen wie an diesem Tag.

Auf die Reaktionen auf die Ausstellung, erst recht in den begleitenden Workshops, bin ich selbst sehr gespannt, es ist ja auch für uns ein Lernprozess. Im ersten Teil von #notafraid wird das Gedenken nach islamistischen Anschlägen thematisiert. Diese Ausstellung soll an den Anschlagsorten in Begleitung eines Rahmenprogramms gezeigt werden.

Geplant ist auch ein weiterer Teil, für den ich schon in Pittsburgh, Halle, Christchurch war. Weitere Städte sind geplant, nur kam jetzt erstmal Corona dazwischen.

Der erste Teil, der sich mit den Reaktionen in Europa auf diese ISIS-Offensive beschäftigt, wurde meist mit großem Interesse wahrgenommen, auch in den anderen Städten. Es gab aber auch schon Kritik an dem Konzept: Mal wurde gesagt, dass es Muslime stigmatisiert, nur islamistische Anschläge zu behandeln; mal hieß es, man müsse dem auch den Rechtsextremismus dagegenhalten. Das finde ich beides falsch.

Ich besitze auch zwei Bildbände über den NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) von Paula Market und Regina Schmeken. Es ist gut, dass diese Themen jeweils in sich abgeschlossen behandelt werden, denn sie brauchen unterschiedliche Analysen und Aufarbeitungsstrategien. Es ist auch nicht hilfreich, wenn das eine oder andere relativiert wird, immer mit dem Verweis, das es schon noch Schlimmeres gab.

Zu den Voraussetzungen einer modernen, diversen und freien Gesellschaft gehört auch eine Resilienz, gegen etwas, das als Kränkung empfunden wird.

Man muss es ertragen können, wenn dem eigenen Land ein Antisemitismus-Problem attestiert wird, wenn dem eigenen Bundesland vorgehalten wird, dass das bunte Spektrum viel Braun enthält oder ob eben wenn die eigene Religion kritisiert wird.

Auf der Website zur Ausstellung schreiben Sie, #notafraid sei „eine Fotoreportage über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Gedenkens nach islamistischen Anschlägen in europäischen Metropolen zwischen 2015 und 2020“. Wer gedenkt wie?

Einerseits ist Gedenken zuerst ein individueller Akt und ich denke man sollte vorsichtig sein, Klischees nicht unnötig zu reproduzieren. Aber es gibt Auffälliges und es ist vielleicht ein journalistischer Impuls, dass mich vor allem interessiert, wo es hakt.

Teilweise waren die Veranstaltungen mit den offiziellen Politikern so inszeniert, dass die Bevölkerung – aus nachvollziehbaren Sicherheitserwägungen – vom eigentlichen Ort des Gedenkens ausgesperrt war. In Berlin wirkte das Gedenken teils hilflos. Und wenn man außerhalb des engeren Kreises um die Gedenkveranstaltung auf die ganze Stadt schaut, eben auch nicht besonders empathisch. Das lag vielleicht auch daran, dass viele in Berlin mit einem ähnlichen großen Anschlag wie in Paris gerechnet hatten. Ich habe damals öfters meine Fototasche kontrolliert, ob Akkus geladen und genug Speicherkarten da sind, weil etwas erwartet wurde. Aktuell mache ich das auch wieder.

In Paris wurde dafür viel individueller und trotzdem als Gemeinschaft gedacht: Da singt zum Beispiel eine Frau mitten auf dem Place de la République los und die Umstehenden hören zu. In Berlin würde man, glaube ich, erstmal zusammenzucken und schauen, ob was nicht stimmt.

Es gab immer auch als Muslime erkennbare Menschen bei dem Gedenken, denen es wichtig war, hier Stellung zu beziehen. Das führte einmal dazu, dass eine Gruppe hinter den trauernden Angehörigen ein Transparent hochhielt, mit dem Hinweis, dass der Islam das Töten Unschuldiger verurteilt. Diese Gruppe war akzeptiert von den anwesenden Gedenkenden, aber ich finde so eine Instrumentalisierung schrecklich.

Es gibt in der Ausstellung mehrere Fotos, die Fragen aufwerfen, und auch Bilder, die Verschwörungstheoretisches oder Rechtsextremistisches zeigen. Aber zum Glück auch hoffnungsvoll Stimmendes. All das hat uns dazu veranlasst, die Fotos um Interviews und pädagogische Workshops zu ergänzen.

Ihre Fotos sind Momentaufnahmen des Gedenkens an den bislang 5 Jahrestagen der Anschläge. Haben sich Stimmung und Haltung im Laufe der Zeit verändert?

Das Gedenken wird mit den Jahren immer kleiner und manchmal auf sympathische Weise auch profaner: Da ist dann zwischen Kerze und Engel schon mal eine Bierdose als Opfergabe. Was einerseits normal und gut ist, weil man auch unter der Last von den vielen Anlässen, derer man Gedenken sollte, nicht leben könnte.

Andererseits – und das ist auch ein Grund für das pädagogische Angebot, das die Ausstellungen begleiten wird – sollte eine Erinnerungskultur, eine Form des produktiven Gedenkens gefunden werden. Dazu gehört, sich mit den Ursachen des Terrors zu beschäftigen, wie auch mit den Reaktionen der Gesellschaften auf ihn.

#notafraid ist dabei ein Beitrag, der es ermöglichen soll, auch nicht selbst Erlebtes in eine übernationale Erinnerungskultur zu integrieren.

Erinnerungskultur spielt eine wichtige Rolle für unsere Gesellschaften: sie ist identitäts- und gemeinschaftsstiftend. Kann das Erinnern an die Terroranschläge trotz der genannten Unterschiede auch Gelegenheit sein, als Europäer*innen näher zusammenzurücken – und wenn ja, wie?

Extremismus ist wie alle relevanten politischen Probleme nicht auf nationalstaatlicher Ebene zu lösen, sondern nur durch europäische Zusammenarbeit.

Wir sehen zurzeit bei den Gedenkminuten für den von einem Islamisten hingerichteten Lehrer Samuel Paty (wie auch damals nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo), dass einige Schüler*innen das Gedenken nicht mitmachen wollen oder es stören. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht auf anderem Wege offen für eine Auseinandersetzung mit dem Thema wären. Hier müssen wir Mittel und Wege für eine wirksame Erinnerungskultur finden, die aber auch eindeutig Bildung, Meinung- und Pressefreiheit verteidigt.

Ich hoffe wir können mit #notafraid einen Beitrag dazu leisten, einige Erreichbare noch zu erreichen und gleichzeitig dafür zu werben, weniger Toleranz für islamistische Positionen zu zeigen. Diese sind eher ein Thema für die Justiz.

Leider, aber nicht unerwartet, ist das Thema in diesen Tagen wieder aktueller geworden.

Wir haben jetzt die Chance, besser und selbstbewusster mit unseren Werten als Europa zu reagieren.

#notafraid ist eine Haltung dazu.